
Bio- / Neurofeedbacktraining
Das ist wie Radfahren
- N. Birbaumer
Was ist wie Radfahren? Oder was ist Bio-/Neurofeedbacktraining?
Bio- und Neurofeedbacktraining sind Methoden, mit denen Sie lernen können, Ihre Körper- (Biofeedback) und Gehirnaktivität (Neurofeedback) bewusst zu kontrollieren.
Unkonzentriertheit, Abgelenktsein, Aufregung, Anspannung, schneller Puls, Schwitzen, schwere Gedanken, Gedankenkreise, … all das spüren wir im Körper, und vieles davon entsteht meist direkt im Gehirn – unserer Schaltzentrale.
Und oft entsteht das Gefühl, dem ausgeliefert zu sein. Oder die Reaktion „Ich bin eben impulsiv.“ Manchmal schon etwas resignierter: „Ich kann mich halt nicht konzentrieren.“
Hier greift Bio- und Neurofeedbacktraining ein. Lernen Sie, Ihren Körper und Ihr Gehirn selbstbewusst und sicher zu steuern. Wir können Konzentration und Wohlbefinden erlernen. Bio- und Neurofeedbacktraining hilft Ihnen dabei.
Fachwissen für Interessierte
Bei NF werden unterschiedliche Lernmechanismen diskutiert. (i) operantes und klassisches Konditionieren gehören zu den wichtigsten und werden von Ros et al. (2014) basierend auf der NF-Rückmeldeschleife beschrieben. Frühe NF-Phasen sind zunächst besonders durch fluktuierende Feedback-Signale charakterisiert, die stochastische und unkonditionierte neuronale Variabilität widerspiegeln. Nachfolgend erreicht die neuronale Aktivität sporadisch und zufällig den Bereich der erwünschten Aktivität, bei dem der Proband entsprechendes Feedback erhält. Dadurch ist das Gehirn in der Lage, einen bestimmten neuronalen Zustand als internen Sollwert zu speichern, und schüttet belohnungsmodulierende Signale wie Dopamin aus, die auch für die neuronale Plastizität wichtig sind. Bei nachfolgenden Rückmeldeschleifen versucht der Proband, die erwünschte Gehirnaktivität durch Anwendung mentaler Strategien zu reproduzieren, verwendet idealerweise immer effizientere Strategien, trifft den Sollwert besser und verändert somit leichter seine Gehirnaktivität. (ii) Einen weiteren Mechanismus stellt die Zwei-Prozess-Theorie von Lacroix (1986) dar, die von Wood et al. (2014) um 3, im NF-Kontext wesentliche, neuronale Netzwerke erweitert wurde. (iii) Letztendlich spielt auch der Erwerb von Fertigkeiten (hierbei das Erlernen der Selbstregulation der Gehirnaktivität) eine Rolle.
Wie funktioniert das?
Beim Biofeedback messen wir körperliche Reaktionen – Puls, Muskelspannung, Hauttemperatur, Atmung, Herzfrequenz, Blutdruck, …
Beim Neurofeedback messen wir die Aktivität im Gehirn.
Dazu werden Ihnen kleine Elektroden am Körper (Biofeedback) oder am Kopf (Neurofeedback) angelegt. Diese spüren Sie auf der Haut kaum. Es tut weder weh, noch ist es unangenehm. Die abgeleiteten Werte werden durch ein Computerprogramm sichtbar oder hörbar gemacht und Ihnen auf dem Bildschirm angezeigt. Ihre Aufgabe besteht nun darin, Veränderungen zu bewirken. Das Herz soll ruhiger schlagen, die Atmung gleichmäßiger und tiefer werden, die Muskulatur darf sich entspannen – durch die direkte Rückmeldung auf dem Bildschirm gelingt Ihnen das.
Bei der Ableitung aus dem Gehirn wird die Aktivität in Frequenzen dargestellt. Bei ADHS ist z. B. häufig die Theta-Frequenz zu hoch. Diese Anteile senken wir mit dem Training. Der Effekt zeigt sich in mehr Ausgeglichenheit, verbesserter Konzentration, weniger Zappelei, gesteigertem Wohlbefinden, … .
Der große Vorteil des Trainings liegt darin, dass Sie Ihre Veränderungen selbst von innen bewirken. Unser Körper und unser Gehirn sind auf positive Rückmeldung programmiert. Das heißt, wir wollen Dinge gut und erfolgreich abschließen. Die Animation, der Film oder das kleine Spiel auf dem Bildschirm laufen nur, wenn sich die Trainingswerte im gewünschten Bereich befinden. Ist das nicht so, gibt es einen Stopp, eine Störung, ein unangenehmes Geräusch. Ihr Körper und Ihr Gehirn werden das fast automatisch verhindern und somit ein erfolgreiches Training ermöglichen.
Fachwissen für Interessierte
Neurofeedback informiert den Patienten durchgehend über seine aktuelle Gehirnaktivität, damit er bestimmte neuronale Aspekte selbst regulieren lernt. Die hierfür benötigte Gehirn-Computer-Schnittstelle wird durch eine Rückmeldeschleife mit 5 Elementen gebildet (Abb. 1):
- Messung der Gehirnaktivität durch bildgebende Verfahren wie Elektroenzephalographie (EEG), Magnetenzephalographie, Magnetresonanztomographie oder Nahinfrarotspektroskopie;
- Echtzeitanalyse der gemessenen Aktivität (einschließlich Herausfiltern von Messartefakten);
- Extraktion eines bestimmten neuronalen Merkmals, das trainiert werden soll (z. B. ein bestimmtes Frequenzband);
- Übertragung dieses Merkmals in ein Feedbacksignal sowie
- der Patient, der versucht seine Gehirnaktivität zu beeinflussen, die dann wiederum gemessen, analysiert, extrahiert und rückgemeldet wird.
Wie lange muss ich trainieren?
Eine einzelne Sitzung dauert 60 Minuten.
Der Trainingszeitraum bei Kindern umfasst 40 Sitzungen mit je 2 Terminen pro Woche. Danach empfehlen wir eine Pause von 6 Monaten. Wenn Sie danach das Gefühl haben, eine kleine Auffrischung zu benötigen, ist dies möglich.
Bei Erwachsenen kann der Trainingszeitraum auch deutlich länger sein. Das Gehirn benötigt einfach länger zum Neu- oder Umlernen.
Für wen ist Neurofeedack geeignet
Auch hier gilt wie immer in der Ergotherapie – wir sind für Menschen jeden Alters da.
Beim Neurofeedback gibt es jedoch die Empfehlung, erst im Alter des Schuleintritts mit dem Training zu beginnen.
Zahlreiche Studien belegen die Wirksamkeit bei Kindern mit AD(H)S. Auch im Bereich psychischer Erkrankungen, bei Autismus, Epilepsie, Depression und Demenz wurden erfolgreiche Studien vorgelegt.
Der Einstieg ins Training ist damit in jedem Alter möglich und erfolgversprechend.
Gerade für Kinder und Erwachsene mit AD(H)S-Diagnose oder Verdacht ist Neurofeedbacktraining empfehlenswert, bevor sie beginnen, Medikamente zu nehmen.
Wie lange hält die Wirkung an?
Und jetzt nochmal zurück zum Radfahren. Das haben Sie als Kind durch Übung gelernt und können es nun, ohne sich Gedanken darüber zu machen. Fahrrad nehmen, losfahren. Ihr Körper und Ihr Gehirn haben es verinnerlicht. Es geht/fährt sich wie von allein. Genauso ist es beim Bio- und Neurofeedbacktraining. Sie üben und verinnerlichen das Gelernte in Körper und Gehirn. Und wie beim Radfahren bleibt der Erfolg.
Auch wenn Sie viele Jahre nicht auf einem Fahrrad saßen, können Sie es noch. Beim Bio- und Neurofeedbacktraining ist es ebenso. Der Lernerfolg bleibt bestehen.
Und wie wirkt sich Neurofeedback auf meine Medikamente aus?
Auch während der Neurofeedbacktherapie nehmen Sie Ihre verordneten Medikamente wie gewohnt weiter. Es kann vorkommen, dass im Verlauf des Trainings die Dosis angepasst werden muss.
Auch hier gibt es Studien, die belegen, dass Neurofeedbacktraining die Einnahme von Medikamenten reduzieren kann.
Gibt es Nebenwirkungen?
Ein klares
NEIN! Der große Vorteil des Neurofeedbacktrainings ist, dass es keine Nebenwirkungen hat.
Zu Beginn können leichte Müdigkeit oder ein Gefühl der Anstrengung entstehen. Das liegt aber meist an der ungewohnten Trainingsmethode.
Fachwissen für Interessierte
Neurofeedback als evidenzbasiertes Verfahren in der Therapie
Die Wirksamkeit von NF wird derzeit im Bereich der hyperkinetischen Störungen (HKS) kritisch untersucht. In einer Metaanalyse der entsprechenden europäischen Arbeitsgemeinschaft wurden verschiedene NF-Protokolle im Vergleich zu aktiven Kontrollgruppen auf die Reduzierung der Symptomatik bei HKS untersucht (Cortese et al. 2016). Effekte auf Hyperaktivität- und Impulsivitäts-Symptomatik wurden über alle verschiedenen NF-Protokolle im Vergleich zu unterschiedliche Kontrollgruppen (inbegriffen waren Standardbehandlungen, Wartelisten-Kontrollgruppen, Placebo Neurofeedback bei dem Probanden nur scheinbares Feedback über die eigene Gehirnaktivität erhalten und aktive Kontrollgruppen) untersucht. Es ergaben sich signifikante Ergebnisse nur auf nicht-verblindet erhobene Erfolgsmaße, aber nicht auf verblindet erhobene Erfolgsmaße.
Allerdings müsste, methodisch streng genommen, die Wirksamkeit für verschiedene NF-Protokolle gesondert berechnet werden, wie auch in der Pharmakologie die Wirksamkeit unterschiedlicher Wirkstoffe getrennt nachgeprüft wird. Wird dies missachtet, kann es zu verzerrten Einschätzungen und falschen Schlussfolgerungen kommen. Diese gesonderte Betrachtung ist gegenwärtig durch die geringe Anzahl methodisch robuster Studien (noch) nicht möglich.
Es liegen allerdings Metaanalysen vor, die sich zumindest auf 3 Standardprotokolle, das Theta(θ)/Beta(β)-Ratio, sensorisch motorischer Rhythmus (SMR) und das Training langsamer kortikaler Potenziale (LP), beschränken. Schätzt man die kombinierte Wirksamkeit für diese 3 Protokolle, zeigen sich signifikante Ergebnisse auf verblindet erhobene Erfolgsmaße im Vergleich zu (semi)aktiven Kontrollgruppen (z. B. Micoulaud-Franchi et al. 2014; Cortese et al. 2016). Obwohl nach derzeitigem Kenntnisstand bislang nicht zu beurteilen ist, wie wirksam die einzelnen Standardprotokolle für sich genommen sind, werden diese Protokolle als evidenzbasierte Behandlungsmethoden im Bereich HKS angesehen (Tab. 1). Eine jüngste Metaanalyse überprüfte zudem langfristige Effekte dieser Standardprotokolle nach 6 Monaten im Vergleich zu einer Gruppe mit herkömmlicher Standardbehandlung (Methylphenidat oder Selbstmanagement) und einer nichtaktiven Kontrollgruppe, zu der alle anderen Bedingungen gezählt wurden (van Doren et al. 2018). Die herkömmliche Standardbehandlung führte direkt nach Abschluss zu stärkeren Effekten auf Unaufmerksamkeit als NF. Im Vergleich zum Behandlungsabschluss erfolgten nach 6 Monaten keine weiteren signifikanten Effekte. Bezüglich Hyperaktivität und Impulsivität zeigte NF die gleichwertige Wirkung zur herkömmlichen Standardbehandlung direkt nach Behandlungsabschluss. Nach 6 Monaten ergab sich zudem ein nennenswerter Trend zugunsten stabiler Effekte von NF gegenüber beiden Kontrollgruppen, was bezüglich dieser Symptome für einen nachhaltigen Behandlungseffekt sprechen könnte.
Tab. 1 – Standardprotokolle bei der Behandlung zu hyperkinetischen Störungen
| Standardprotokolle | Charakteristiken | Anzahl (n) der Sitzungen | Elektrodenposition |
|---|---|---|---|
| θ/β-Ratio (TBR) | Frequenzbandtraining (4–7 Hz/12–21 Hz) | Ca. 30–40 | Fz oder Cz |
| Zielt auf abnormal hohes θ/β-Ratio, hohes θ und/oder zu niedrig ausgeprägte β Aktivität | |||
| Sensorisch motorischer Rhythmus (SMR) | Frequenzbandtraining (10–14 Hz) | – | C3, Cz, oder C4 |
| Langsame kortikale Potenziale (LP) | Steigerung und Verringerung des neuronalen Aktivierungsniveaus | Ca. 35 | Cz |
Zum Gebiet der pharmakoresistenten Epilepsie liegt ferner eine Metaanalyse vor, die die Wirkung von NF auf die Reduktion der Anfallsfrequenz belegt (SMR und LP; Tan et al. 2009).
Gegenwärtig werden Schlussfolgerungen zur Wirksamkeit durch methodische Schwächen wie Fehlen von adäquaten Kontrollgruppen, Randomisierung und angemessenen Stichprobengrößen erschwert. Dies wird anhand einer Metaanalyse bei psychischen Störungen deutlich (Begemann et al. 2016). Den Aufnahmekriterien entsprachen bei Autismus-Spektrum-Störungen 5, bei Zwangsstörungen 3, bei generalisierter Angststörung 2 und bei Depression nur eine Studie. Die Verwendung adäquater Kontrollgruppen spielt besonders in Bezug auf die Einschätzung der Ursachen zum Therapieerfolg eine wichtige Rolle (Abb. 3). Bezüglich NF sind 5 zu unterscheiden: (i) spezifische neurophysiologische Effekte, die durch das Training eines bestimmten Gehirnsignals entstehen, (ii) nichtspezifische Effekte, die NF-kontextspezifisch sind (z. B. Therapeut-Patient-Interaktion in einem neurotechnologischen Kontext), (iii) nichtspezifische Effekte, die generell bei Interventionen entstehen (z. B. Teilnahme an einer Form von kognitivem Training, psychosoziale Effekte, Placebo-Mechanismen usw.), (iv) Wiederholungseffekte und (v) natürliche Effekte, die positiv (z. B. Spontanremission), aber auch negativ (z. B. kognitive Verminderung durch Alterung) ausfallen können (Ros et al. im Druck). Derzeit wird eine wissenschaftliche Debatte über die Größe der verschiedenen Anteile dieser Effekte geführt. Einschätzungen reichen von „ausschließlich Placebo getrieben“ zu „v. a. NF-spezifisch begründet“ (Thibault et al. 2017; Fovet et al. 2017).

Abb. 3 – Hypothetisches Modell der multiplen Effekte bei Neurofeedback (NF)
